writtenby.ch - Freies Texte Portal

Startseite

Texte
Kurzgeschichten
Lyrik
Romane
Experimentelles

Suchen
Texte
Autoren

Autorenbereich
Publizieren
Registrieren
Regeln

Writtenby
Datenschutz
Gönner werden
Impressum & Kontakt
 
Kurzgeschichten > Menschen
Es ist ihr Theater, hat man den Eindruck. Man sagt, seit 40 Jahren sässe sie hier, wie ein Adler in seinem Horst. Mir fällt auf, dass sie sich ihrer Umgebung farblich angepasst hat, das adrette Foulard passt zum Hintergrund und zum Plakat. Darauf angesprochen, lacht sie laut auf, ihre üppige Brust wölbt sich und ihre Bronchien äussern den jahrzehntelangen Zigarettenkonsum. Als sie wieder Luft hat, sagt sie: «Ja, ja, ig verwachse langsam mit der Umgäbig. I ha hie scho lengstens Wurzle gschlage.»

Das Theater schätzt Elsbeth als Unikum, ja gar als Identifikationsfigur, die zudem alles weiss, von Programmen vergangener Jahrzehnte, was ankommt und was nicht, sogar mit den Beleuchtern, Tonmischern und den Regisseurinnen ist sie längst auf du und du. Man schätzt ihr Wissen ebenso wie ihr Halbwissen über fast alles, und ihren träfen Humor. Wenn man «Chamäleon-Elsbeth» so ansieht, denkt man, dass es schade ist, dass es keine Fernsehansagerinnen mehr gibt. So fühlte man sich sogar beim Fernsehen von einer Art Gastgeberin umsorgt und willkommen. Wer heisst einen jetzt überhaupt noch willkommen?

Im Nachbargarten, eher eine Hoschtet, hat es einen abgestorbenen Apfelbaum, der zwar jedes Jahr noch einige wenige Blüten und Blätter ausbildet, wohl nur um kläglich beweisen zu wollen, er sei noch da und zwäg. Mit und am windverzworgelten Baum wächst eine Wildrose, seit Jahrzehnten schon. Die Hundsrose, gross wie der Baum selbst, scheint mit ihm verwachsen zu sein. Die Rose braucht den Baum und der Baum die Rose, so scheint es. Letzte Woche jedoch lag der Baum im Gras, umarmt von der Wildrose. Wer wen gefällt hat, weiss ich nicht.


6. April 2020
zurück
Seite von 3
Kommentare (0)