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Kurzgeschichten > Menschen

Hier arbeite ich

von Marc P Sahli >>

„Mein Vater brachte mir das Malen bei. Meine Bilder machen glücklich und geben Schutz. Haben Sie noch Fragen?“ Dies sind die Worte eines tibetischen Exilkünstlers in Bern. Diesem Text gibt es eigentlich nichts anzufügen. Worte, die zum spazierendenken einladen. Wer war der Vater, der seinem Sohn immerhin recht gut das Malen beibrachte? War er streng, lebt er noch? Wann haben sich Vater und Sohn das letzte Mal gesehen? Es stellen sich Fragen wie: ist der Maler glücklich, weil er sagt, seine Bilder machten dies, ist er beschützt, er, offenbar Schutzsuchender, im Asylverfahren?
Hier arbeite ich, willkommen! Setzt er selbstbewusst neben die Bilder in der Ausstellung, selbstverständlich neben der Warnung ‚bitte nicht berühren‘. Auf welchem Wort wohl die Betonung liegt? HIER arbeite ich, hier ARBEITE ich, hier arbeite ICH... HIER ARBEITE ICH! Imperativ, imperativissimus! Bitte oder nicht oder und nicht berühren? Es scheint mir, als habe er seine alte Heimat in Form seines "geerbten Berufes" mitgenommen und solange er einen Ort zum Arbeiten hat, hat er auch einen Ort zum Leben. Sozusagen: Ich arbeite, also bin ich. Und wenn jemand sein Werk berührt, hat er Pech, hingegen, wenn jemand von seinem Werk berührt werden sollte, was dann?
Im Befehlston weht eine Böe durch das schmiedeeiserne Tor in den Hof zur Galerie. Der tibetische Künstler schaut zum Himmel und hofft, dass der Luftzug seine Gedanken in die alte Heimat trage. Zu seinem Vater wohl, zur ganzen Familie, die verstreut, wie Samen im Wind, in alle Welt getragen wurde.
(c) Marc P Sahli, 28.-30.06.2018

28. Juni 2018
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