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Kurzgeschichten > Familie

Vielleicht Maria

von René Oberholzer >>

Meine Grossmutter lebt nicht mehr. Dennoch bleibt sie meine Grossmutter. Vielleicht ist sie jetzt noch mehr meine Grossmutter. Als sie noch lebte, kannte ich sie nur flüchtig. Seit sie tot ist, kenne ich sie genauer. Auch wenn das, was ich von ihr weiss, zum Grossteil nicht wahr ist. Erst seit ich Geschichten über sie erfinde, glaube ich, dass meine Grossmutter eine tolle Frau gewesen ist.

Mein Grossvater ist auch tot. Aber über ihn werde ich keine Geschichten erfinden. Es muss ihm genügen, dass er der Mann meiner Grossmutter gewesen war. Und überhaupt: Ohne meine Grossmutter wäre mein Grossvater nicht mein Grossvater, sondern der Grossvater von jemand anderem gewesen. Meine Grossmutter hingegen wäre immer meine Grossmutter gewesen, das weiss ich. Hätte sie 1901 meinem Grossvater nicht ihre Liebe gestanden, wäre mein Grossvater nicht mein Grossvater geworden. Ich hätte dafür einen anderen Grossvater gehabt, der nicht Josef, sondern Jakob oder Toni oder Karl geheissen hätte. So bin ich nicht unzufrieden, dass meine Grossmutter im Sommer 1901 meinen Grossvater Josef geküsst hatte. Meine Grossmutter muss eine gute Küsserin gewesen sein. Mein Grossvater war immer sehr durstig, wenn er von meiner Grossmutter kam.

Meine Grossmutter hiess eigentlich Maria, aber für meinen Grossvater hiess sie auch Wanda, Rosetta, Barbara oder Anna. So hiess meine Grossmutter eigentlich immer anders, doch mich störte das nicht, denn ich nannte meine Grossmutter immer Grossmutter und fragte sie dann: "Wie heisst du heute?" Und sie sagte mir immer wieder einen anderen Namen. Ihren Erfindungen waren keine Grenzen gesetzt. Sie zählte Namen auf, die ich noch nie gehört hatte, Namen,
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