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Kirsche
von Liriodendron tulipifera >>
Ich greife nach einer der kostbaren Früchte und nehme sie in den Mund. Mit meiner Zunge fühle ich die glatte, kühle Oberfläche. Langsam beisse ich hinein und puhle den kleinen runden Stein aus der Frucht. Ich beisse in das zarte Fruchtfleisch und geniesse die Geschmacksexplosion. Eine Süsse mit etwas Sauer, wie es nur bei einer frischen, reifen Kirsche möglich ist. Langsam lehne ich mich zurück und geniesse. Ein Gefühl von Freude und Freiheit durchflutet mich. Wahrhaftig, es ist Sommer. Eine Erinnerung stiehlt sich mir ins Gedächtnis von sonnigen Sommertagen, dem Duft von Kirschbaumrinde, Blätter im Gesicht, Borke unter nackten Zehen, Kirsche im Mund und leichtem Wind in den Kleidern. Wunderbar, habe ich doch meine gesamte Kindheit auf den Ästen eines alten Kirschbaums genossen. Ein bittersüsser Schmerz schleicht sich ein, bin ich doch inzwischen zu schwer für die alten Äste. All zu schnell ist die Saison vorbei und all zu schnell ist das kleine Körbchen ausgegessen. Mit viel Freude leere ich den Rest des Körbchens und gebe mich noch ein paar Minuten dem Geschmack von Glück hin. Keine andere Frucht vermag eine solche innere Wärme und Fröhlichkeit bereiten. Sie muss wohl direkt das Sonnenlicht des Sommers und die süssen Tropfen eines Sommergewitters in sich aufnehmen. Ein richtiges kleines Wunder.
17. Juli 2019 |
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