Kurzgeschichten > Alltag |
 |
|
Das faule Kind
von Cornelia Studer >>
Das faule Kind
Ich mag mich noch an jene Englischlehrerin erinnern, die uns immer vor den Ferien fragte, was wir in den freien Wochen tun würden. Da ich in den Ferien eigentlich das selbe tat, was ich in der Schule tat, nämlich abwarten, was als nächstes geschieht, dachte ich am besten sei es, wenn ich mit der Standartantwort Baden gehen und Ausflüge aufwarten würde, denn irgendwann ging man auf die eine oder andere Art sowieso mal Baden und wie lange ein Ausflug sein musste, dass er als solches gezählt werden konnte, war ja nicht fest definiert. Die Lehrerin war davon begeistert, wie aktiv unsere Klasse offenbar auch in der freien Zeit war, und sie beklagte sich über einen Schüler aus einer anderen Klassen, der auf die Frage nach Ferienaktivitäten immer nur «Schlafen» antwortete. Ich überlegte mir ob der angebliche «Dauerschläfer» wirklich nur schlief, oder ob er einfach nur fand, seine Freizeitaktivitäten würden niemand was angehen. So oder so, ich hätte ihn gerne kennengelernt, denn entweder verschleierte er mit faszinierender Diskretion sein eigentliches Leben, oder er hatte die Kunst, der minimalistischen Existenz auf die Spitze getrieben, beides waren Dinge, die einem eher stillen, zu passivem Dasein neigenden Menschen, wie mir nahe waren, er musste ein Seelenverwandter sein. Leider konnte ich die Lehrerin nicht nach dem Namen des Ferienschnarchers fragen, denn mir schien, mein wahres Ich, könnte dadurch bloss gestellt sein. Dieses Ich würde man als faul abstempeln, so sah ich mich nicht, ich sah mich als vorsichtig- zögerlich, besonnen an und so bin ich noch.
30. Oktober 2017 |
 |
|
Seite
1 von 1 |
|
 |
Kommentare (0) |
|